Constanze Lipp – Seminar Film und Frauenrechte in Afghanistan und Iran

Ein Beitrag von Constanze Lipp im Rahmen des Seminars „Film und Frauenrechte in Afghanistan und Iran“.

„Sieben Tage“ Zwischen Flucht und Rückkehr: Der Preis der Freiheit

Im Rahmen der Filmreihe „Frauenrechte in Afghanistan und Iran“ präsentiert Amnesty International den Film „Sieben Tage“ von Ali Samadi Ahadi. Ein intensives Drama, das persönliches Ringen und systemische Unterdrückung eindrucksvoll miteinander verwebt.

Inspiriert von den realen Erfahrungen der iranischen Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, erzählt der Film die Geschichte der Menschenrechtsaktivistin Maryam, die aufgrund von Krankheit sieben Tage Hafturlaub erhält, ein kurzer Moment physischer Freiheit inmitten politischer Gefangenschaft. Doch was macht man mit sieben Tagen? Sie nutzen, um mit der Familie ins Ausland zu fliehen? Oder zurückkehren ins Gefängnis zu Leid, Isolation, aber auch zum politischen Kampf? Maryam steht vor einer Entscheidung, die nicht nur ihr Leben verändert, sondern symbolisch für den Mut vieler Frauen im Iran steht.

Die Protagonistin Maryam ist keine fiktive Heldin, sondern ein filmisches Echo auf zahlreiche reale Aktivistinnen, die im Iran Repression, Haft und Folter ausgesetzt sind. Besonders spürbar ist der Bezug zu Narges Mohammadi, die trotz jahrelanger Inhaftierung nie aufgehört hat, ihre Stimme für Freiheit, Gleichberechtigung und Demokratie zu erheben. In einem Brief aus dem Evin-Gefängnis schrieb sie:

„Ich hoffe, meine Kinder wissen, dass ich, wie alle ‚Ungehorsamen‘ und ‚Gebrandmarkten‘ Mütter, auch eine liebende Mutter war, deren Herz immer noch vor intensiver Sehnsucht nach ihren Kindern schlägt…“

Diesen inneren Konflikt, zwischen persönlicher Liebe und politischer Verantwortung, macht „Sieben Tage“ zum emotionalen Kern der Handlung. Die Kamera folgt Maryam durch die Straßen, Krankenhäuser und Wohnungen Teherans, bis zu ihrer Familie, die knapp hinter der Grenze Irans auf sie wartet. Fliehen oder bleiben? Die Frage, die sich Maryam stellen muss, ist zutiefst moralisch, aber nicht abstrakt. Im Kontext eines autoritären Regimes, das Aktivismus kriminalisiert und weiblichen Widerstand mit Härte verfolgt, bekommt jede Entscheidung ein politisches Gewicht. Flucht könnte Sicherheit und Nähe zur Familie bedeuten aber auch das Gefühl, den Kampf aufzugeben. Rückkehr hieße Aufopferung, Verzicht auf das eigene Leben und ihre Familie aber auch ein Zeichen der Stärke, ein Akt der Solidarität mit den Tausenden, die weiterhin in Haft sind. „Sieben Tage“ lässt diese Entscheidung offen. Der Film urteilt nicht. Er beobachtet, dokumentiert, verdichtet, stellt uns als Publikum an die Stelle der Protagonistin. Was würden wir tun? Und was erwarten wir von anderen, wenn wir selbst nichts riskieren müssen?

Der Film weist darauf hin, dass Widerstand im Iran oft weiblich ist und, dass er seinen Ursprung im Privaten hat. In Müttern, die ihre Kinder aufklären. In Frauen, die ihr Kopftuch abnehmen. In Journalistinnen, Juristinnen, Studentinnen, die ihre Stimme erheben, wissend, was es kosten kann. In dieser Hinsicht steht Maryam für eine ganze Generation von Iranerinnen, die zwischen Familie und Gefängnis, zwischen Fürsorge und Furcht, zwischen Mut und Zerrissenheit leben. Und sie steht auch für die tiefe Wahrheit, dass politische Kämpfe selten sauber sind. Dass Moral nicht immer Klarheit bringt, aber Menschlichkeit verlangt.

Vom Film zur Wirklichkeit: Unsere Verantwortung

Mit der Filmreihe „Frauenrechte in Afghanistan und Iran“ will Amnesty International nicht nur Zeugnis ablegen über Unterdrückung, sondern auch Wege aufzeigen, wie wir als internationale Gemeinschaft reagieren können. Was bleibt nach dem Abspann von „Sieben Tage“? Vielleicht ein Gefühl der Ohnmacht, aber auch von Verantwortung. Denn Maryams Entscheidung ist nicht nur eine persönliche. Sie ist Teil eines größeren Kampfes um Rechte, um Würde, um Sichtbarkeit. Und dieser Kampf braucht Aufmerksamkeit. Briefe an politische Gefangene, öffentlicher Druck auf Regierungen, Schutz für gefährdete Aktivistinnen, all das beginnt mit Empathie. Mit dem Willen, sich berühren zu lassen. Mit der Einsicht, dass Menschenrechte grenzenlos sind.

Sieben Tage“ ist keine einfache Filmerfahrung. Er fordert uns heraus, emotional, politisch, existenziell, auch wenn der Regisseur nicht die Intention hatte einen politischen Film zu drehen. Es geht nicht um Gut oder Böse, sondern um Verantwortung. Um die Frage, wofür ein Mensch bereit ist, seine Freiheit zu riskieren, und wofür wir bereit sind, unsere Bequemlichkeit aufzugeben.

Maryam entscheidet sich am Ende des Filmes zurück ins Gefängnis zu gehen, denn der Kampf für Freiheit ist noch lange nicht beendet.

„Sima’s Song“ Wenn Freundschaft zur Geschichte wird und die Stimme zur Gefahr

Im Rahmen der Filmreihe „Frauenrechte in Afghanistan und Iran“ zeigt Amnesty International den Film „Sima’s Song“ der renommierten afghanischen Regisseurin Roya Sadat. Es ist ein bewegendes Drama über zwei Frauen in Afghanistan der 1970er Jahre, das die komplexe politische Landschaft jener Zeit durch eine zutiefst persönliche Beziehung sichtbar macht.
Sima und Suraya sind beste Freundinnen. Ihre Wege beginnen gemeinsam, doch ihre Überzeugungen trennen sie: Während Suraya sich dem kommunistischen Widerstand anschließt, bleibt Sima ihrer konservativ-islamischen Prägung verbunden. In der Spannung zwischen Nähe und Ideologie entfaltet sich ein vielschichtiges Porträt weiblicher Existenz in einer Gesellschaft, die Frauenkörper, -leben und -stimmen immer wieder zur Projektionsfläche von Machtkämpfen macht.

Roya Sadat ist eine der wichtigsten Stimmen des afghanischen Kinos. Ihr Werk gibt jenen eine Bühne, die im realen Leben zunehmend an den Rand gedrängt oder vollständig zum Schweigen gebracht werden. „Sima’s Song“ ist in diesem Sinne nicht nur ein historisches Drama. Es ist ein Spiegel der Gegenwart. Was in den 1970er Jahren begann, mit Hoffnung auf Reformen, mit politischen Utopien, mit Widersprüchen zwischen Tradition und Moderne, endet heute in einer humanitären Katastrophe für Afghanistans Frauen. Der Film stellt bewusst die Frage: Wie konnte es so weit kommen? Und wo beginnt Widerstand, in der Straße, im Herzen, in der Stimme?

Musik spielt in „Sima’s Song“ eine zentrale Rolle. Singen wird hier zur Ausdrucksform von Sehnsucht, von Identität, von Freiheit. Und genau darin liegt die politische Kraft des Films, denn im heutigen Afghanistan ist das Singen von Frauen verboten. Öffentliche Musikveranstaltungen, in denen Frauen auftreten, wurden nach der Machtübernahme der Taliban 2021 systematisch unterdrückt. Viele Musikerinnen sind geflohen, andere verstummt. Aus Angst, aus Zensur, aus Not.
Sima, die Titelheldin, verkörpert genau das, was heute nicht mehr sein darf: eine Frau mit Stimme, mit Leidenschaft, mit dem Willen, gehört zu werden. Ihr Gesang im Film wird zum leisen Widerstand, gegen die Regeln, gegen die Scham, gegen das Schweigen.
Die Unterdrückung der weiblichen Stimme im heutigen Afghanistan ist keine Nebensache. Sie ist Ausdruck einer Ideologie, die Frauen nicht nur aus Schulen, Universitäten und Medien verdrängt, sondern ihnen buchstäblich das Recht auf Klang, Ausdruck und Öffentlichkeit nimmt. In dieser Realität wird sogar ein Lied zur Rebellion.

Was „Sima’s Song“ so besonders macht, ist die Entscheidung, große politische Brüche durch die Intimität einer Freundschaft zu erzählen. Suraya und Sima lieben einander als Freundinnen, als Spiegel ihrer Möglichkeiten, als Zeuginnen ihrer Widersprüche.
Doch der politische Druck ist stärker. Suraya glaubt an die Umwälzung durch das System, an eine revolutionäre Gerechtigkeit. Sima hält an ihrer religiösen Welt fest, will bewahren, schützen, nicht zerstören. Beide wollen das Richtige und beide müssen einen Preis dafür zahlen.
Sima’s Song“ ist ein poetischer Film, aber auch ein dokumentierender. Er erinnert an eine Zeit, in der vieles möglich schien und vieles verloren ging. Er fragt, wie es kommen konnte, dass aus Aufbruch Repression wurde, aus Hoffnung Angst, aus Stimme Stille. Es ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein engagiertes Erinnern. Denn wer die Geschichte der Frauen in Afghanistan kennt, kann das heutige Schweigen nicht einfach hinnehmen. Denn eine Gesellschaft, die ihren Frauen das Singen verbietet, will nicht nur ihre Stimme ersticken – sie will auch ihre Zukunft auslöschen.

„A Sister’s Tale“ Eine Frau findet ihre Stimme

Im Rahmen der Filmreihe „Frauenrechte in Afghanistan und Iran“ präsentiert Amnesty International den eindrucksvollen Dokumentarfilm „A Sister’s Tale“ (2024) der iranischen Filmemacherin Leila Amini. In diesem zutiefst persönlichen Film begleitet Amini über sieben Jahre hinweg das Leben ihrer älteren Schwester Nasreen. Eine Frau, deren Geschichte für Millionen Iranerinnen steht: Frauen, die ihre Träume aufgeben, weil Tradition, Religion und staatliche Repression ihnen das Recht auf Selbstbestimmung absprechen. Die Geschichte beginnt in einem gewöhnlichen Teheraner Haushalt, doch sie entfaltet sich zu einem universellen Porträt weiblicher Emanzipation inmitten eines patriarchalen Systems. Im Mittelpunkt steht Nasreens Wunsch, ihren Traum als Sängerin zu verfolgen, trotz fehlender Unterstützung ihres Ehemannes und dem Verbot im System.

Was für viele ein Ausdruck von Freude, Kunst oder Spiritualität ist, ist für Frauen im Iran ein Akt des Widerstands: das öffentliche Singen. Seit der Islamischen Revolution 1979 ist es Frauen in der Islamischen Republik verboten, öffentlich solo zu singen. Ihre Stimmen gelten als „verführerisch“, ihre Präsenz auf Bühnen als „unsittlich“. Diese systematische Entmenschlichung hat tiefgreifende Folgen: Mädchen wachsen auf, ohne sich in der Musik vertreten zu sehen. Musikerinnen verlieren ihre Bühnen, ihre Karrieren und oft auch ihre Sicherheit.

Nasreen jedoch will sich das Singen nicht nehmen lassen. Nach Jahren als Ehefrau und Mutter in einer arrangierten Ehe, geprägt von emotionaler Vernachlässigung und familiärem Druck, beginnt sie, gegen die äußere und innere Zensur anzusingen. Mit jedem Ton befreit sie sich ein Stück mehr. Nicht nur von den Erwartungen ihres Mannes, sondern auch von der Angst, nicht mehr als Mutter und Hausfrau zu sein. A Sister’s Tale ist kein lauter Film. Die Kamera beobachtet still, respektvoll, liebevoll. Leila Amini filmt ihre Schwester nicht nur als Regisseurin, sondern auch als Schwester. Durch diese Nähe entsteht ein intimes Porträt, das nicht inszeniert, sondern begleitet. Dabei zeigt der Film keine Heldin im klassischen Sinn, sondern eine Frau, die zögert, zweifelt, sich wieder aufrichtet. Nasreens Weg ist nicht geradlinig, aber voller Mut. Vom häuslichen Rückzug zur selbstbestimmten Künstlerin, von der Schweigenden zur Singenden findet sie ihre Stimme wieder.

Was A Sister’s Tale so kraftvoll macht, ist seine Schlichtheit. Es geht nicht um große politische Reden, sondern um das tägliche Ringen mit Rollenbildern, um die kleinen Siege des Alltags: ein Gesangsunterricht, ein offenes Gespräch mit der Mutter, eine Aufnahme im Tonstudio.

Dabei dokumentiert der Film auch die innere Zerrissenheit einer Gesellschaft: Während Männer wie Nasreens Ehemann sich frei bewegen und verwirklichen können, tragen Frauen die Last der Ehre, der Tradition. Doch der Film zeigt auch: Veränderung beginnt oft leise. In einem Lied, das trotz Verbot erklingt. In einer Mutter, die ihren Kindern zeigt, dass Träume erlaubt sind. In einer Schwester, die nicht loslässt. Nasreens Geschichte steht stellvertretend für Millionen Iranerinnen, deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden. Sei es durch Gesetze, familiären Druck oder innere Scham. Leila Aminis Film gibt diesen Stimmen Raum, Klang, Tiefe. Dabei wird klar, der Kampf um die weibliche Stimme ist kein Symbol. Er ist real, politisch, gefährlich. Wer im Iran heute singt, riskiert viel und sagt damit alles. Nasreens Gesang ist deshalb mehr als Musik. Er ist eine Botschaft an ihre Kinder, an ihre Mitmenschen, an die Welt.

Warum dieser Film uns alle angeht

A Sister’s Tale ist ein zutiefst iranischer Film und gleichzeitig universell. Die Themen, die er verhandelt, sind global: die Suche nach Identität, das Ringen um Gleichberechtigung, der Wert von Kunst in repressiven Systemen. Der Film ist ein eindrucksvolles Zeugnis dafür, wie Menschenrechte nicht nur in Parlamenten oder auf Demonstrationen verhandelt werden, sondern auch in Wohnzimmern, Musikstunden und Alltagsentscheidungen. Er ist eine Einladung zum Hinsehen und zum Zuhören. Denn das Recht auf die eigene Stimme ist ein Menschenrecht. Und solange Frauen im Iran nicht singen dürfen, ist kein Lied der Welt vollständig.