Ein Beitrag von Selin Dündar im Rahmen des Seminars „Film und Frauenrechte in Afghanistan und Iran“.
Eine Reflexion zu A Sister’s Tale (2024)
Der Dokumentarfilm A Sister’s Tale (2024) von Leila Amini erzählt auf eindrucksvolle und sehr persönliche Weise die Geschichte ihrer älteren Schwester Nasreen. Über sieben Jahre hinweg begleitet die Regisseurin mit der Kamera einen schleichenden, aber umso bedeutenderen Wandel: Vom Leben als unterdrückte Hausfrau hin zu einer Frau, die beginnt, ihre eigene Stimme – im wörtlichen wie im übertragenen Sinne – wiederzufinden. Damit rückt der Film nicht nur eine einzelne Biografie in den Fokus, sondern steht exemplarisch für das Schicksal vieler iranischer Frauen, die sich in einem streng patriarchalen System behaupten wollen. Nasreen ist 37 Jahre alt, Mutter zweier Kinder und lebt in einer arrangierten Ehe mit ihrem Ehemann Mohammad. Ihr Alltag ist geprägt von Einsamkeit, emotionaler Vernachlässigung und gesellschaftlichen Erwartungen. Nach der Geburt ihrer Tochter, in einer Phase tiefer Erschöpfung, beginnt sie über ihr Leben nachzudenken. Ihr großer Kindheitstraum war das Singen, doch im Iran ist es Frauen verboten, öffentlich aufzutreten.
Trotzdem entscheidet sich Nasreen, ihrer Leidenschaft wieder nachzugehen, gegen den Willen ihres Ehemanns und entgegen der sozialen Normen. Was diesen Film so besonders macht, ist allerdings die Perspektive: Die Kamera bleibt nicht distanziert, sondern ist Teil des familiären Geschehens. Amini dokumentiert nicht nur die äußeren Veränderungen, sondern auch die inneren Kämpfe ihrer Schwester Nasreen. Dabei bleibt sie selbst als Filmemacherin meist im Hintergrund, greift aber immer wieder emotional unterstützend ein, beispielsweise als Nasreen über eine Trennung nachdenkt. Gerade diese enge Verbindung zwischen den beiden Frauen macht den Film so authentisch. Amini selbst sagte im Interview, sie habe nicht geplant, einen siebenjährigen Filmprozess zu beginnen, aber sie versprach ihrer Schwester, bei ihr zu bleiben, bis sie ihren Traum verwirklicht.
Der gesellschaftliche Kontext, in dem dieser Film spielt, ist auch von zentraler Bedeutung. Seit der Islamischen Revolution 1979 sind Musik und insbesondere das öffentliche Auftreten von Frauen im Iran stark reglementiert. Chomeinis Fatwa von 1979 erklärte Musik pauschal als „unislamisch“, was zu einem Einbruch der Musikszene führte. Erst mit der zweiten Fatwa 1988 wurde traditionelle Musik wieder teilweise erlaubt – westlich geprägte Popmusik blieb jedoch weiterhin verboten. Für Frauen ist das öffentliche Singen bis heute mit erheblichen Risiken verbunden. In dieser repressiven Atmosphäre wird Nasreens Wunsch zu singen zu einem Akt des Widerstands. A Sister’s Tale reiht sich dadurch in eine neue Welle von Dokumentarfilmen ein, die das Leben iranischer Frauen nicht nur aus der Perspektive des politischen Protests zeigen, sondern in den intimen Alltag eintauchen. Dabei erinnert der Film auch an das Schicksal von vielen KünstlerInnen im Iran und dem der legendären iranischen Sängerin Googoosh, die nach der Revolution über 20 Jahre lang ein Berufsverbot im eigenen Land hatte. Wie Googoosh steht auch Nasreen für weibliche Selbstbestimmung, allerdings in einem anderen Maßstab: nicht als Star, sondern als gewöhnliche Frau, die versucht, ihre Würde und ihren Ausdruck zurückzugewinnen. Beeindruckend ist auch, wie sich die Beziehung zwischen Nasreen und ihren Kindern im Laufe des Films verändert. Während ihr Ehemann zunehmend in den Hintergrund tritt und sich emotional entzieht, entsteht zwischen Nasreen und ihrem Sohn Hamid eine tiefe Verbundenheit. Hamid unterstützt seine Mutter – emotional, aber auch praktisch. Ihre Tochter Hana wächst über die Jahre der Dreharbeiten heran und entwickelt schließlich selbst ein Interesse an Musik. Damit zeigt der Film auch, wie persönliche Emanzipation langfristig Auswirkungen auf die nächste Generation hat.
Letztlich erzielte A Sister’s Tale große Erfolge und wurde auf zahlreichen internationalen Festivals gezeigt, unter anderem beim Toronto International Film Festival, dem IDFA Amsterdam und den Solothurner Filmtagen. Die internationale Aufmerksamkeit zeigt, dass die Themen des Films universell sind: Selbstbestimmung, Mutterschaft, Ehe, Depression, Neuanfang – das sind Erfahrungen, die über kulturelle und religiöse Grenzen hinaus verständlich sind.
Insgesamt ist A Sister’s Tale ein stiller, aber kraftvoller Film über weibliche Selbstermächtigung. Er zeigt, dass Widerstand nicht immer laut sein muss. Manchmal beginnt er im Privaten, in der Familie, im Alltag. Nasreen steht dabei symbolisch für viele Frauen im Iran, die sich nicht länger nur über ihre Rolle als Ehefrau oder Mutter definieren lassen wollen. Ihr Weg zur eigenen Stimme ist ein langsamer Prozess, begleitet von Zweifeln, Rückschlägen und familiären Spannungen, aber auch von Hoffnung, Mut und innerem Wachstum. Gerade in seiner Schlichtheit entfaltet der Film eine enorme Wirkung.
Eine Reflexion zu Tatami (2023)
Der Film Tatami (2023) von Zar Amir Ebrahimi und Guy Nattiv erzählt die Geschichte der iranischen Judoka Leila Hosseini, die sich während eines internationalen Turniers plötzlich nicht nur sportlich beweisen muss, sondern auch eine politische Entscheidung treffen soll. Die iranischen Behörden fordern von ihr, sich aus dem Turnier zurückzuziehen – ausgerechnet, weil ihre nächste Gegnerin aus Israel stammt. Diese Situation, die auf realen Ereignissen basiert, wird im Film zu einem komplexen Konflikt zwischen Loyalität, persönlicher Überzeugung und staatlicher Kontrolle. Was Tatami besonders eindrucksvoll macht, ist, wie der Film auf eher leise, aber sehr intensive Weise politische Machtverhältnisse thematisiert – und das fast ausschließlich über den Körper. Leilas Entscheidung, nicht aufzugeben, ist keine laute Rebellion, sondern eine stille Form des Widerstands, die umso stärker wirkt, weil sie mit großen persönlichen Konsequenzen verbunden ist. Ihr Körper wird im wahrsten Sinne des Wortes zur Projektionsfläche: Er soll den Willen des Staates transportieren, wird beobachtet, reguliert, und schließlich verweigert er sich genau dem. Der Film verzichtet auf dramatisierende Effekte und setzt stattdessen auf eine sehr klare, fast schon minimalistische Ästhetik. Das 4:3-Bildformat und die Schwarz-Weiß-Bilder schaffen eine beklemmende Atmosphäre. Alles wirkt enger, starrer, kontrollierter, was genau zur Situation passt, in der sich Leila befindet. Die Kamera ist oft sehr nah an ihrem Gesicht oder ihrem Körper, wodurch man als ZuschauerIn das Gefühl bekommt, unmittelbar dabei zu sein. Besonders in den Momenten, in denen sie allein ist, wird deutlich, wie viel Druck auf ihr lastet. Nicht nur durch den sportlichen Wettbewerb, sondern vor allem durch das politische System im Hintergrund.
Dass die Geschichte auf wahren Begebenheiten basiert, macht sie noch relevanter. In den vergangenen Jahren gab es immer wieder Berichte über iranische Athletinnen, die gezwungen wurden, Kämpfe gegen israelische Gegnerinnen zu vermeiden. Für männliche Sportler ist das schon ein massiver Eingriff in die sportliche Fairness, doch für Frauen kommt noch die symbolische Bedeutung ihres Körpers dazu. Wie die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi einmal schrieb: “Der weibliche Körper im Iran ist nicht frei, sondern Träger der offiziellen Moralideologie.” Genau das zeigt Tatami auf eindrucksvolle Weise.
Aus einer theoretischen Perspektive lässt sich hier gut der Ansatz von Judith Butler auch einbringen. In ihren Schriften betont Butler, dass der Körper nicht einfach ein neutrales, biologisches Objekt ist, sondern immer auch durch gesellschaftliche und politische Diskurse geformt wird. Im Film wird das sehr deutlich: Leilas Körper wird kontrolliert, gesteuert – aber sie schafft es, ihm wieder Handlungsmacht zu geben. Indem sie sich weigert, zurückzutreten, nimmt sie sich das Recht, selbst über ihren Körper und sein öffentliches Auftreten zu bestimmen. Auch die Beziehung zwischen Leila und ihrer Trainerin Maryam ist interessant. Maryam steht selbst im Spannungsfeld zwischen Anpassung und Unterstützung. Anfangs übermittelt sie den Befehl der Funktionäre, doch im Laufe des Films ändert sich ihre Haltung. Sie erkennt, wie viel Mut Leilas Entscheidung erfordert und entscheidet sich, sie zu unterstützen. Diese stille Solidarität zwischen zwei Frauen, die in einem repressiven System agieren, ist einer der stärksten Aspekte des Films. Sie zeigt, dass Widerstand nicht immer laut sein muss und dass Unterstützung auch in kleinen Gesten Ausdruck finden kann.
Hinzu kommt die biografische Dimension: Zar Amir Ebrahimi, die Maryam spielt und Co-Regie führte, wurde selbst zur Zielscheibe staatlicher Repression. Nach einem Skandal um ein privates Video wurde sie im Iran mit einem Berufsverbot belegt und lebt seitdem im Exil in Frankreich. Dass sie heute Filme wie Tatami realisieren kann, und das sogar gemeinsam mit einem israelischen Regisseur, ist ein starkes Zeichen für künstlerische und politische Freiheit über nationale Grenzen hinweg. Insgesamt ist Tatami kein Film, der große Parolen braucht, um politisch zu sein. Gerade durch seine Zurückhaltung, durch den Fokus auf den Körper, den Raum und die kleinen, aber bedeutsamen Entscheidungen, entfaltet er eine enorme Wirkung. Er zeigt, wie Sport zum Schauplatz politischer Auseinandersetzungen werden kann und wie besonders Frauenkörper in solchen Systemen instrumentalisiert werden. Aber er zeigt auch, dass es Wege gibt, sich dieser Vereinnahmung zu entziehen. Tatami ist ein Film über Mut, Verantwortung und die Kraft, in einem entscheidenden Moment das Richtige zu tun, auch wenn das bedeutet, sich gegen die eigenen Strukturen zu stellen. Leilas Entscheidung, auf der Matte zu bleiben, wirkt weit über den sportlichen Kontext hinaus: Sie steht für eine Haltung, die sagt, dass Selbstbestimmung auch unter schwierigen Bedingungen möglich ist, wenn man bereit ist, dafür einzustehen.
Eine Reflexion zu Sieben Tage (2024)
Der Spielfilm Sieben Tage (2024) von Regisseur Ali Samadi Ahadi basiert auf einer fiktiven Geschichte, die sich jedoch eng an das reale Leben der iranischen Menschenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi anlehnt. Im Mittelpunkt steht Maryam, eine inhaftierte Frau, die sich in einem iranischen Gefängnis nicht nur mit systematischer Gewalt und Isolation konfrontiert sieht, sondern auch mit der eigenen inneren Zerreißprobe: dem Wunsch nach Freiheit und politischer Gerechtigkeit auf der einen Seite und der tiefen Sehnsucht nach ihren Kindern auf der anderen. Was den Film besonders macht, ist seine Verbindung zwischen politischem Drama und familiärem Konflikt. Die Erzählung bleibt über weite Strecken konzentriert auf Maryams Alltag im Gefängnis – in der Titel gebenden Zeitspanne von sieben Tagen – und zeigt dabei eindrucksvoll, wie sehr das iranische Regime versucht, Frauen nicht nur körperlich, sondern auch emotional zu brechen. Maryam weiß, dass sie als Aktivistin von der Außenwelt wahrgenommen wird, gleichzeitig ist sie Mutter, und diese Rolle lässt sich nicht einfach abstreifen. Ihre innere Zerrissenheit steht stellvertretend für viele Frauen im Iran, die sich politisch engagieren und dafür mit dem Verlust ihrer Freiheit, ihrer Karriere oder sogar ihrer Familie bezahlen müssen. Dass der Film sich auf reale Hintergründe stützt, macht ihn besonders eindringlich. Narges Mohammadi, die Inspiration für die Figur der Maryam, wurde in den letzten Jahrzehnten mehrfach inhaftiert, gefoltert, mit Reiseverboten und Kontaktverbot zu ihren Kindern bestraft. Trotzdem hat sie nie aufgehört, sich für Demokratie, Frauenrechte und Pressefreiheit einzusetzen. Ihre Worte aus dem Evin-Gefängnis „Ich hoffe, meine Kinder wissen, dass ich, wie alle ‘Ungehorsamen’ und ‘Gebrandmarkten’ Mütter, auch eine liebende Mutter war, deren Herz immer noch vor intensiver Sehnsucht nach ihren Kindern schlägt…“¹, spiegelt die zentrale Thematik des Films wider: Widerstand und Fürsorge schließen sich nicht aus, sondern bedingen sich im besten Fall sogar gegenseitig. In Bezug auf die Produktion ist der Film auch aus künstlerischer Sicht bemerkenswert. Regisseur Ali Samadi Ahadi floh selbst als Jugendlicher aus dem Iran und brachte seine eigene Erfahrung mit staatlicher Repression und Exil mit ein.
Das Drehbuch stammt von Mohammad Rasoulof, der ebenfalls mehrfach mit dem iranischen Regime in Konflikt geriet und zuletzt 2024 nach Deutschland floh, um einer weiteren Inhaftierung zu entgehen. Die Besetzung des Films, unter anderem mit Vishka Asayesh, Majid Bakhtiari und Tanaz Molaei, besteht ebenfalls größtenteils aus Exil-IranerInnen. Asayesh drehte Sieben Tage dazu bewusst als ihren ersten Film ohne Hijab – ein Statement, das in der aktuellen politischen Lage nicht unterschätzt werden kann.
Der Film steht im weiteren auch in engem Zusammenhang mit der feministischen Protestbewegung „Jin, Jiyan, Azadî“ – also „Frau, Leben, Freiheit“ – die nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022 weltweit für Aufmerksamkeit sorgte. Auch Sieben Tage greift diese Verbindung auf: Der weibliche Körper wird hier nicht nur als individuelles Subjekt gezeigt, sondern auch als Objekt staatlicher Kontrolle, als Ort, an dem sich Machtverhältnisse einschreiben – sei es durch Zwangsverschleierung, Folter oder Trennung von den eigenen Kindern. Der Film erzählt aber nicht nur vom Leid. Er zeigt auch Formen der Selbstermächtigung, etwa in Maryams Weigerung, sich bei einem Gericht für ihr Verhalten zu entschuldigen. Ihre Stille, ihre Körperhaltung, ihre Blicke, all das wird im Film zu einer eigenen Form der Sprache. Hier lassen sich ebenfalls Parallelen zu Judith Butler ziehen, die den Körper als Ort versteht, an dem sich Geschichte, Politik und Macht verdichten. Maryam spricht – auch wenn sie nicht redet. Ihre Anwesenheit ist Widerstand. Was den Film dazu besonders bewegend macht, ist die gelungene Verbindung von politischer Relevanz und emotionaler Tiefenschärfe. Sieben Tage ist kein plakatives Werk, sondern ein feinfühliges Drama, das die Realität vieler IranerInnen spürbar macht, ohne sie zu überzeichnen. Es ist kein Heldinnenfilm im klassischen Sinne, sondern ein Film über die Widersprüche, mit denen Frauen im Iran täglich leben müssen: stark sein zu müssen, wenn man eigentlich am Ende ist; den Mut nicht zu verlieren, obwohl die Konsequenzen existenziell sind; und zu lieben, obwohl genau diese Liebe immer wieder als Schwäche ausgelegt wird. Der Film stellt auch wichtige Fragen an uns als Zuschauerinnen in Europa: Wie gehen wir mit Regimen um, die systematisch Menschenrechte verletzen? Welche Rolle spielen Künstlerinnen im Exil? Und wie können wir Solidarität zeigen, ohne paternalistisch zu wirken? Sieben Tage bietet keine einfachen Antworten, aber sehr viele Denkanstöße. Damit ist der Film insgesamt ein starkes Plädoyer für Menschenwürde, weibliche Autonomie und Zivilcourage. Er erinnert daran, dass politische Kämpfe immer auch persönliche sind und dass Freiheit nicht abstrakt beginnt, sondern im Kleinen, im Alltag, im Durchhalten. Die Geschichte von Maryam – inspiriert von Narges Mohammadi – zeigt, dass selbst sieben Tage ausreichen können, um das Ausmaß von Unterdrückung sichtbar zu machen, aber auch die Kraft des Widerstands.
¹ Narges Mohammadi, Evin-Gefängnis 2024