Kunst als Zeugenschaft – vom Theaterraum zur Sichtbarmachung der Situation der Menschen im Iran

Beitragsbild: Robin Junicke

Dieser Beitrag gehört zu einer losen Reihe, in der sich Aktive der Bochumer Amnesty-Gruppe unabhängig von unseren aktuellen Schwerpunkten mit Menschenrechten auseinandersetzen. Ein Gastbeitrag von Solmaz Gholami.

Für mich als Iranerin und als Mitglied von Amnesty International ist es wichtig, genauer auf mein Umfeld zu schauen und zu sehen, was iranische Landsleute sogar im Exil für Iran tun. Diese Aufmerksamkeit ist selbst Teil einer zivilgesellschaftlichen Bewegung, die keine geografischen Grenzen kennt und in unterschiedlichen Formen von politischem und sozialem Handeln bis hin zu Kunst und Narration fortgesetzt werden kann.

Auf diesem Weg entstand für mich die Frage, wie ich als Aktivistin eine wirksamere Rolle einnehmen kann, wie man genauere und greifbarere Informationen über das, was im Iran geschieht, an andere vermitteln kann, wie man zeigen kann, welche Anstrengungen wir Iraner*innen im Ausland für unsere Bevölkerung und unser Land unternehmen, und wie sich zwischen den fragmentierten Erfahrungen des Exils, dem kollektiven Gedächtnis und der zivilen Verantwortung eine lebendige Verbindung herstellen lässt.

Eine mögliche Antwort ist die Kunst.

Kunst kann eine Form des Protests sein. Ein Protest, der nicht unbedingt mit Parolen arbeitet, sondern durch Erfahrung, Gefühl, Körper, Stimme und Erzählung wirkt. Dort, wo die offizielle und politische Sprache manchmal versagt, kann Kunst das sichtbar und hörbar machen, was nicht gesagt wird. Kunst kann Distanzen überwinden und das Publikum nicht nur informieren, sondern involvieren involviert in Leid, Erinnerung, Fragen und Verantwortung.

In diesem Zusammenhang beschränken sich auch die Aktivitäten von Amnesty International nicht nur auf Berichte und Stellungnahmen. Diese Organisation versucht mit Kampagnen, kulturellen Programmen und Kooperationen mit Künstler*innen die öffentliche Aufmerksamkeit auf Menschenrechtsverletzungen zu lenken und Stimmen hörbar zu machen, die unterdrückt wurden. Aus dieser Perspektive kann Kunst Teil derselben umfassenden Bemühung sein für Dokumentation, Bewusstseinsbildung und Gerechtigkeitssuche – eine Bemühung, die sich manchmal in Form eines Menschenrechtsberichts zeigt und manchmal in Form einer Aufführung, eines Bildes, einer Stimme oder einer persönlichen Erzählung.

Aus diesem Grund habe ich beschlossen, mit der Möglichkeit, die mir Amnesty International in Bochum zur Verfügung gestellt hat, eine andere Form von Widerstand und Unterstützung zu erproben und auszudrücken ein Widerstand, der diesmal nicht nur über Bericht und Sprache verläuft, sondern über Sehen, Hören und die Darstellung von Erfahrung. Für mich ist dieser Weg eine Möglichkeit, menschenrechtliches Handeln mit gelebter Erfahrung zu verbinden, also dort, wo Zahlen, Nachrichten und Analysen mit Körper, Erinnerung und Gefühl verknüpft werden.

In diesem Zusammenhang habe ich auf Einladung von Katharina Frölich, die ich seit Jahren kenne, am 12.04.2026 drei iranische Performances besucht, die jeweils auf unterschiedliche Weise gelebte Erfahrung, Erinnerung und die gegenwärtige Situation auf die Bühne brachten.

Diese Aufführungen fanden im Rahmen der Reihe Kunst & Klatsch im PRT (ehemals Prinz Regent Theater) statt. Die Reihe wurde von Katharina Frölich, Lisa Schäfer und Johanna Sowka ins Leben gerufen und ist in Kooperation mit Sabine Reich, der Leiterin des PRT entstanden. Der Fokus des PRT liegt auf Dialog, Beteiligung und der Kunst des Gemeinsamen, die das Theater stärker mit dem sozialen Raum der Stadt verbindet. Kunst & Klatsch wird in Zusammenarbeit mit Studierenden der Szenischen Forschung an der Ruhr Universität Bochum seit 2025 regelmäßig durchgeführt und bietet seit 2026 mit der Unterstützung von Institutionen wie dem LWL und der Stadt Bochum einen Raum für kollektive Kunsterfahrung von Performance und Film bis zu Workshops und unterschiedlichen Formen der Beteiligung.

In Episode 3 von Kunst & Klatsch dieser Reihe lag der Fokus auf Stimmen und Perspektiven der iranischen Diaspora, ein Raum, in dem Performance, Gespräch und Alltagserfahrung ineinander verwoben waren. In diesem Zusammenhang präsentierten Haniyeh Moussavi, Faezeh Mojahedtalab und Rashin Didandeh ihre Arbeiten, die im Kontext der Szenischen Forschung und in Zusammenarbeit mit Lina Majdalani und Rabih Mroué kurz nach Beginn der Internetsperren im Iran entstanden sind, Arbeiten, die zwischen persönlicher Erfahrung und politischer Realität oszillieren.

Katharina Frölich, Lisa Schäfer und Johanna Sowka haben diesen Raum gemeinsam mit den Künstler*innen gestaltet, im Versuch, Kunst von einer individuellen Erfahrung in eine Möglichkeit kollektiver Auseinandersetzung und Reflexion zu verwandeln. Für mich steht diese Reihe genau in der Verlängerung jener Frage, die mich von Anfang an beschäftigt hat wie man sehen, erzählen und dieses Sehen in eine Handlung verwandeln kann. Diese Entscheidung war für mich nicht nur die Teilnahme an einer künstlerischen Veranstaltung, sondern ein bewusster Versuch, künstlerisches Handeln mit menschenrechtlichem Handeln zu verbinden ein Versuch, genauer zu sehen, zu erzählen und schließlich Erfahrung in Stimme zu verwandeln.

Die Aufführungen zeigten von Anfang an, dass sie nicht dem entsprechen würden, was man gewöhnlich im deutschen Theater sieht, alles war anders. Ich hatte das Gefühl, in einem der Theatersäle in Teheran zu sitzen, einem Ort wie dem Stadttheater Teheran oder dem Molavi Theater oder dem Iranshahr Theater, wo Studierende mutig ihre neuen Ideen auf die Bühne bringen. Genau dort zeigte sich plötzlich und ohne Vorwarnung eine tiefe Sehnsucht.

Doch diese Sehnsucht war nicht nur Nostalgie, sie war die Beschwörung eines kollektiven Gedächtnisses – eines Gedächtnisses, das im Exil immer in einem Zustand der Schwebe bleibt. Dieses Gefühl war zugleich von der Realität der Gegenwart begleitet: Unterdrückung, Unsicherheit und ein Leben unter Bedingungen, in denen selbst die Erinnerung an Städte verändert wird. Städte wie Shiraz sind nicht mehr nur poetische Orte, sondern fragile und verletzliche Räume geworden. Nostalgie ist hier keine Rückkehr in die Vergangenheit, sondern eine schmerzhafte Konfrontation mit dem Verlust der Gegenwart.

In diesem Zusammenhang wurde die Anwesenheit von Shirin Namazi mit ihrer Wärme und ihrer Shirazer Herzlichkeit selbst zu einer Performance, das Kochen von Gerichten wie Do Piazeh Aloo und Mirza Ghasemi und die Einladung an das Publikum, sich zu beteiligen, Kräuter zu putzen, Brot zu schneiden und gemeinsam zu arbeiten, löste die Grenze zwischen Aufführung und Leben auf. Diese Handlungen waren nicht nur Darstellung von Kultur, sondern eine Form sanften Widerstands, eine Wiederherstellung sozialer Verbindungen gegenüber den Brüchen, die Migration und Gewalt erzeugt haben. Essen, Gespräch und Zusammenarbeit wurden Teil der Performance eine Form des Zusammenseins, Erinnerns und Rekonstruierens von Heimat in einem Raum fern der Heimat.

Nach dieser kollektiven Erfahrung wurden drei minimalistische Performances präsentiert Aufführungen, die aus Stille, Körper und Zeit Bedeutung erzeugten.

In der Performance „Cinevolution“ von Haniyeh Moussavi wird nicht die Geschichte des iranischen Kinos rekonstruiert, sondern der Moment der Geburt des Sehens, ein Sehen, das zwischen dem Erzählten und dem Verborgenen in einem politischen und unterschwelligen Kontext entsteht. Das Bild ist hier zugleich Werkzeug der Aufzeichnung und der Auslöschung. In einer Situation, in der Bilder von Gewalt, Protest und Alltag im Iran ständig zensiert oder manipuliert werden, wird die Art des Sehens selbst zu einer Form des Widerstands. Die Performance „Cinevolution“ ist weniger eine kohärente historische Erzählung des Kinos im Iran, als vielmehr eine instabile Erfahrung von Sehen und Erinnern.
Die Aufführung beginnt mit einer Art Dunkelheit, nicht nur visuell, sondern auf der Ebene der Wahrnehmung, das Bild ist noch nicht entstanden, das Auge muss lernen zu sehen. Diese Idee wiederholt sich im gesamten Text: schauen, blinzeln, das Sehen üben, das Publikum wird vom Konsumenten zum Subjekt, das aktiv sehen lernen muss. Sehen ist hier kein einfacher natürlicher Akt, sehen braucht Übung, weil das Bild immer konstruiert, zensiert, verzerrt oder verborgen sein kann.

Moussavi führt das Publikum ins 19. Jahrhundert, in die Zeit der Qajaren. Sie erzählt über den Tabakprotest und die Einführung des Kinematographen. Eine Kamera, die aus dem Westen kommt, ist etwas, das im Nahen Osten als faszinierend wahrgenommen wird. Genau wie heute die Narrative über den Iran verzerrt und vielfältig sind. So wie Mozaffar ad Din Shah Qajar nach dem Kauf einer Kamera nur sich selbst zeigt und nichts vom Zustand der Menschen sichtbar wird, entscheidend ist die Kamera und die Person vor ihr, und diese Frage bleibt bis heute bestehen: Wer erzeugt das Bild, wer wird gesehen, und was bleibt außerhalb des Rahmens?

Auf den Tabakprotest im Iran wird verwiesen, ein historisches Ereignis, das sich aus Protest gegen die Vergabe eines Monopols auf den Tabakhandel während der dritten Reise von Naser al Din Shah Qajar ins Ausland entwickelte. Diese Bewegung gilt als eine der ersten großen kollektiven Widerstandsbewegungen gegen Despotismus und Kolonialismus im modernen Iran. Der Tabakprotest stellt eine der ersten ernsthaften Erfahrungen kollektiven Widerstands gegen politische Macht und ausländischen Einfluss dar, ein Ereignis, das nicht nur eine wirtschaftliche Entscheidung infrage stellte, sondern auch ein neues soziales und politisches Bewusstsein formte. Diese Bewegung begann 1890, als Naser al Din Shah Qajar das exklusive Recht auf Anbau, Kauf und Verkauf von Tabak an einen britischen Händler, Major Talbot, übertrug. Dieser Vertrag, bekannt als Regie, überließ einen zentralen Teil der iranischen Wirtschaft ausländischer Kontrolle und bedrohte die Existenz vieler Bauern und Händler. Tabak war damals nicht nur ein wirtschaftliches Gut, sondern Teil des Alltagslebens, von den Feldern bis zu den Märkten und von den Häusern bis zu den Kaffeehäusern. Daher wurde die Vergabe dieses Monopols nicht nur als wirtschaftliche Entscheidung gesehen, sondern als Zeichen politischer Abhängigkeit. Die Proteste begannen unter Händlern und städtischen Gruppen und verbreiteten sich schrittweise in verschiedene gesellschaftliche Schichten.

Ein Wendepunkt war die Fatwa von Mirza Hasan Shirazi, die den Tabakkonsum für verboten erklärte. Diese Fatwa verbreitete sich schnell im ganzen Land und wurde zu einer praktischen Handlung, die Menschen verzichteten auf Tabak, Wasserpfeifen wurden beiseitegelegt und der Handel kam nahezu zum Stillstand, sogar im königlichen Hof wurde der Boykott eingehalten. Dieses Ereignis zeigte, wie eine alltägliche Handlung zu einem starken politischen Instrument werden kann.

Der Druck dieses zivilen Ungehorsams brachte die Regierung in eine Krise, die Wirtschaft war gelähmt und die politische Legitimität infrage gestellt. Schließlich war Naser al Din Shah Qajar gezwungen, 1892 die Regie zu annullieren, ein scheinbarer Sieg für die Gesellschaft, doch die Folgen zeigen ein komplexeres Bild.
Im April 1892 musste der Iran hohe Entschädigungen zahlen, obwohl Talbots ursprüngliche Investition deutlich geringer war. Zur Finanzierung nahm der Schah ein Darlehen bei der Imperial Bank of Persia auf, das erste ausländische Darlehen in der Geschichte Irans und ein Wendepunkt wachsender Abhängigkeit.

Im selben Jahr wurde das Exportmonopol stillschweigend an ein französisches Unternehmen übertragen und durch die Einbindung religiöser Autoritäten sowie die Zufriedenstellung der Händler wurden Proteste vermieden. Dies zeigt, dass selbst erfolgreiche Bewegungen durch Machtmechanismen neutralisiert werden können. Der Tabakprotest bleibt daher sowohl ein Symbol kollektiven Widerstands als auch ein Hinweis auf die Grenzen solcher Erfolge.

Wenn wir diesen historischen Moment verlassen und in die Gegenwart blicken, sehen wir, dass Fragen von Abhängigkeit und Ressourcen weiterhin bestehen. Heute stehen natürliche Ressourcen wie Öl, Gas und Lithium im Zentrum globaler Machtpolitik, die Form hat sich verändert, doch das Prinzip bleibt.

Damals war Kolonialismus direkt sichtbar, heute wirkt Neokolonialismus durch wirtschaftlichen Druck, Sanktionen und geopolitische Konkurrenz. Ressourcen sind nicht nur wirtschaftlich, sondern Instrumente globaler Macht.

Gleichzeitig ist die Situation komplexer geworden. Während sich der Tabakprotest um ein konkretes Gut drehte, sind heute Innenpolitik, Ressourcen und internationale Beziehungen eng verflochten. Daher verändern sich auch die Formen des Widerstands, von direktem Protest bis zu kulturellen und künstlerischen Ausdrucksformen.

Doch eine Linie verbindet Vergangenheit und Gegenwart: der Kampf um Selbstbestimmung. Wer entscheidet über Ressourcen, Leben und Zukunft einer Gesellschaft?

In den letzten Teilen der Performance zerfällt die Zeit vollständig. Daten reihen sich aneinander: 1921, 1951, 1979, 1999, 2019. Doch statt Fortschritt zeigt sich Wiederholung: Revolution, Unterdrückung, Zensur und die Rückkehr des Bildes. Das Kino bleibt in einem Zwischenzustand, weder verschwunden noch frei.

Hier verbindet sich die Performance mit der Realität des heutigen Iran. Was geschieht, wirkt wie ein Film, eine kontinuierliche Bewegung wie ein Zug. Doch viele bleiben Zuschauer, Bilder laufen weiter, aber kollektives Handeln wird aufgeschoben. Dies verstärkt die zentrale Spannung zwischen Sehen und Handeln.

Ein besonders starker Moment ist die direkte Aufforderung an das Publikum: Blinzle, schließe die Augen und sieh erneut. Sehen wird zu einer politischen Praxis, nicht konsumieren, sondern hinterfragen: Was ist sichtbar, was fehlt, wer erzählt?

Die Performance „Drei Minuten und acht Sekunden“ von Rashin Didandeh zeigt eine andere Form von Gewalt: die Gewalt des Wartens, die Gewalt der Trennung und die Gewalt des Exils. Eine junge Frau liegt regungslos auf einem Sofa, die einzige Bewegung sind ihre Finger, die über den Bildschirm ihres Handys scrollen. Stille. Nur Stille. Sie wartet auf neue Nachrichten und verfolgt die Ereignisse im Iran über soziale Medien. Sie wartet auf einen Anruf ihrer Mutter.
Diese Form der Trennung ist eine eigene Gewalt. Wie hätten wir im Ausland mit dieser Distanz und dieser Trennung überhaupt leben können, wenn wir nicht wenigstens durch die Kommunikation mit unseren Familien verbunden gewesen wären? Ein kurzer Anruf, eine Nachricht, ein Zeichen des Lebens – und selbst das wird unmöglich. Für viele von uns hat Familie eine andere, tiefere Bedeutung. Geschwister sind nicht nur Familie, sondern auch Freund*innen, Begleiter*innen und Gesprächspartner*innen. Wir stehen in Kontakt mit Cousinen und Cousins, Onkeln, Tanten, Freund*innen und Kolleg*innen. Wir sind ein Netzwerk, eine Kette von Beziehungen, in der wir fast jeden Tag, auch wenn nur für wenige Minuten, miteinander sprechen. Doch jetzt ist alles in Stille gehüllt. Die Internetsperre ist quälend. Auch Ungewissheit ist eine Form von Gewalt.

Wir verfolgen die Nachrichten aus Bruchstücken, aus Informationen, die uns erreicht haben oder uns zugespielt werden. Doch was ist wahr, was ist falsch, wer handelt im Interesse der Menschen? Was bleibt, ist Unsicherheit. Nachrichten, die mit unserer Psyche spielen.

Dabei sind wir nur Menschen, die ein normales Leben wollen, wie alle anderen. Wir wollen Arbeit, soziale Absicherung, Zugang zu Bildung und eine grundlegende Versorgung. Wir wollen reisen können, Sicherheit im Alter, Mobilität und saubere Luft. Wir wollen, dass unser Land Wasser hat und dass Flüsse nicht austrocknen. Wir wollen nicht, dass unser Wasser und unser Boden in andere Länder verkauft werden. Die schönen Dinge sollen zuerst für uns sein und nicht verkauft werden. Wir wollen Frieden und Sicherheit.

Was wollen wir eigentlich mehr? Ist das zu viel verlangt in einem Land voller Ressourcen und Reichtum?

Seit mehr als acht Wochen gibt es im Iran keinen freien Zugang zum Internet. Der Zugang ist nur über VPN möglich, ein Luxus unter schwierigen Bedingungen und zugleich riskant wegen möglicher Verfolgung. Die Internetsperren haben für die Menschen im Iran erhebliche Folgen: wirtschaftliche Verluste, der Zusammenbruch digitaler Arbeitsmöglichkeiten, eingeschränkter Zugang zu Informationen, die Trennung zwischen dem Inneren und dem Äußeren sowie die Isolation von der Außenwelt.

Die Situation der Menschen im Iran ist derzeit so, dass Kommunikation sowohl zur Gefahr als auch zur Überlebensstrategie geworden ist. Über soziale Medien konnten die Menschen seit dem Tod von Jina Mahsa Amini im Jahr 2022 der Welt mitteilen, was diese Diktatur ihnen antut. Obwohl viele von uns bereits Jahre zuvor davor gewarnt hatten, wurde dies von westlichen Politiker*innen lange nicht ernst genommen; man reduzierte den Konflikt auf ein vermeintlich kleines Thema wie das Tragen des Hidschabs. Doch der Hidschab und das Haar waren nur ein Vorwand für einen viel tiefer liegenden Schmerz der iranischen Gesellschaft. Heute wird deutlicher denn je, welche Gewalt und welche Verbrechen dieses Regime begeht.

Es ist erschütternd, dass solche Massaker, selbst nach der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte im Jahr 1948, weiterhin möglich sind und von der Welt nicht entschieden genug beantwortet werden. Ereignisse wie die Gewalt und die Massaker vom 8. und 9. Januar 2026 im Iran werfen die Frage auf, warum sie international nicht die Aufmerksamkeit erhalten, die sie verdienen. Gleichzeitig scheinen in Europa oft andere Themen im Vordergrund zu stehen, etwa steigende Benzinpreise. Doch die eigentliche Frage ist größer: Wie kann es sein, dass systematische Gewalt und Menschenrechtsverletzungen nicht im Zentrum globaler Aufmerksamkeit stehen?
Hier wird deutlich, was Hannah Arendt beschreibt: „Menschen unterscheiden sich aktiv voneinander durch Sprechen und Handeln und sind nicht bloß verschieden.“ Wenn jedoch genau diese Möglichkeit des Sprechens und Handelns eingeschränkt wird, wird nicht nur Kommunikation unterbrochen, sondern auch die Grundlage des sozialen Lebens erschüttert.

Und genau das ist es, was ein autoritäres System anstrebt: die Isolation der Menschen. Diese Logik zeigt sich nicht nur in der Islamischen Republik Iran, sondern wurde bereits in Ländern wie Nordkorea sichtbar. Viele Menschen im Iran fürchten, dass die politischen Strategien sie in eine ähnliche Situation führen könnten.

Hier liegt auch unsere Verantwortung: als diejenigen, die sich für Gerechtigkeit und Menschenrechte einsetzen, müssen wir solchen Entwicklungen entgegentreten und versuchen, sie zu verhindern.

Die Performance „Superposition“ von Faezeh Mojahedtalab verwandelt ein wissenschaftliches Konzept in eine zutiefst politische und emotionale Erfahrung. Superposition erscheint hier nicht als abstrakte Theorie, sondern als gelebte Realität: ein Leben in mehreren Zeiten, Zuständen und Wahrheiten zugleich. Das zentrale Motiv der Arbeit ist das gleichzeitige Sein und Nicht-Sein – ein Zustand zwischen Anwesenheit und Abwesenheit, der eng mit Gewalt, Unsicherheit und Angst verknüpft ist. Im Kontext des Iran bedeutet das: Der Körper ist präsent, aber Sicherheit fehlt; die Stimme existiert, wird jedoch nicht gehört. Diese Spannung durchzieht die gesamte Performance.

Die Bezugnahme auf Hinrichtungszahlen und der Vergleich mit Ländern wie China stellen den Versuch dar, eine globale Realität von Exekutionen zu begreifen. Während des gesamten Krieges konzentrierten sich viele europäische Diskurse jedoch vor allem auf wirtschaftliche Folgen: steigende Energiepreise, teurere Reisen, längere Wege und mehr Umstiege, weil im Iran Krieg herrscht. Kaum jemand sprach darüber, dass gleichzeitig die Hinrichtungen im Iran weitergingen.
In den letzten Monaten wurde immer wieder über eine Zunahme von Hinrichtungen berichtet, insbesondere unter jungen Menschen und Protestierenden. Viele von ihnen wurden unter Vorwürfen wie „Aufrührer“, „Muhāraba“ oder „Spione“ nach intransparenten und unfairen Verfahren verurteilt. Erschütternd ist nicht nur die Zahl der Exekutionen, sondern auch ihre schleichende Normalisierung auf globaler Ebene, als würden menschliche Leben zu Randnotizen in den Nachrichten werden.

Vor diesem Hintergrund stellt Mojahedtalab in ihrer Performance eine zentrale Frage: Ist Geschichte veränderbar? Und wenn ja, welche Verantwortung tragen wir im Hier und Jetzt?

Am Ende verdichtet sich die Performance in einem scheinbar einfachen, aber äußerst kraftvollen Satz: „Wenn du meine Katze siehst, sag ihr, dass ich sie suche.“ In Verbindung mit der Metapher des Iran als Katze – einerseits wegen der Ähnlichkeit der Landkarte, andererseits aufgrund der allgegenwärtigen, oft herrenlosen Katzen in iranischen Straßen – entsteht ein poetisches und zugleich schmerzhaftes Bild von Verlust, Sehnsucht und der Suche nach Heimat.

Nach der Performance setzte sich die kollektive Erfahrung fort: Das von Shirin Namazi vorbereitetes Essen und iranische Musik, gespielt von Benjamin Stein und Helen Parchami, insbesondere Stücke aus Shiraz, schufen eine Atmosphäre, in der Kunst, Erinnerung, Essen, Musik und Gemeinschaft miteinander verschmolzen. Es fühlte sich an wie ein familiäres Zusammensein – mit dem Unterschied, dass sich statt Freude Tränen in unseren Augen sammelten und alle iranischen Zuschauer*innen gedanklich an einen Ort im Iran zurückkehrte, an dem die eigene Familie lebt. Dieser Abschluss erweiterte die Erfahrung der Performance von einer individuellen zu einer kollektiven und sinnlichen Ebene.
Die Performance zeigt eindrücklich, wie Kunst zu einem Raum der Zeugenschaft werden kann, nicht nur als Erzählung, sondern als Übertragung von Erfahrung. In einer Welt, in der viele Stimmen zum Schweigen gebracht werden, kann Kunst sie wieder hörbar machen.

Aus diesem Grund veröffentliche ich diesen Text auf der Seite von Amnesty International. Eine der wichtigsten Aufgaben solcher Organisationen ist es, Räume zu schaffen, in denen unterdrückte Stimmen gehört werden, auch durch Kunst. Selbst kleine Handlungen können Formen des Widerstands sein.

Diese Aufführung erinnert daran, dass Gerechtigkeitssuche nicht nur in Institutionen stattfindet, sondern auch im Theaterraum, im Flüstern, im Körper und sogar in einem einfachen Satz entstehen kann. Und vielleicht liegt genau hier die tiefste Verbindung zwischen Kunst und Menschenrechtsarbeit: Stille in Stimme zu verwandeln.

Ich lade Sie als Leser*innen ein: Wenn Sie über Räume, Programme oder Möglichkeiten verfügen, treten Sie mit uns in Kontakt. Auch kleine Kooperationen können dazu beitragen, Geschichten sichtbar zu machen und neue Dialoge zu eröffnen.